Die magie des Lichts im Kino
von Nadja Lämmle
Am Anfang des Kinos steht kein Bild, keine Figur, keine Geschichte – am Anfang steht das Licht. Film ist nichts ohne diesen lautlosen Strahl, der die Dunkelheit durchbricht. Filmisches Licht strukturiert Raum und Zeit, modelliert Texturen und weckt Stimmungen. Es ist somit nicht bloß ein Mittel der Sichtbarkeit, sondern ein Akteur.
Der Lichtstrahl im Kinosaal ist eine Erscheinung, die immer wieder selbst zum Ereignis geworden ist. Wenn der Projektor surrt und ein gleißendes Band durch die Dunkelheit zieht, füllt sich der Raum mit Erwartungen, Emotionen und einer spürbaren Spannung. Als am 28. Dezember 1895 im Grand Café in Paris die ersten Lumière-Filme gezeigt wurden, war dies nicht nur eine Vorführung, sondern eine Offenbarung. Die Menschen sahen vertraute Bewegungen, doch sie wurden auf eine Weise erfasst, die zuvor unvorstellbar war. Es war nicht die Geschichte, sondern mitunter das Phänomen des Lichts, das den Zauber erzeugte.
Doch Licht allein genügt nicht. Es wird erst wahrnehmbar, wenn es von der Dunkelheit umgeben wird. Vor allem im Kino wird deutlich, dass die Dunkelheit ihm Kraft verleiht. Der Literaturwissenschaftler Hartmut Böhme spricht in diesem Zusammenhang von der sogenannten Lichtung. Damit beschreibt er einen Raum, in dem „die Taten des Lichtes bemerkbar“ werden und die Helligkeit Gestalt annimmt. Jeder Kinosaal ist somit ein solcher Raum: Er lässt das Licht wirken und braucht gleichzeitig die Dunkelheit als Gegenpol.
Im Film wird Licht nicht einfach nur genutzt, sondern gestaltet. Technische Effekte wie Lens Flares, Überstrahlungen oder Reflexkegel lassen das Licht als etwas Körperliches und Greifbares erscheinen. Das Kino bleibt ein Ort, an dem wir lernen, Licht zu sehen.

